Abenteuer in Kambodscha


Im November 2015 entschied ich mich dazu, meine letzten Semesterferien zu nutzen, um in ein kleines zahnmedizinisches Abenteuer im Ausland aufzubrechen. Nachdem ich mich über verschiedene Projekte informiert und jede Menge Telefonate hinter mir hatte, stieß ich auf das Mini Molars Projekt in Kambodscha, das erst einige Monate zuvor ins Leben gerufen wurde. Also sollte meine Reise im März und April 2016 nach Kambodscha gehen, ein Land, über das ich bisher absolut nichts wusste. Nach weiteren Mails, Briefen und Telefonaten konnte ich nach viel organisatorischem Aufwand mit jeder Menge Füllungsmaterialien, Spritzen, Zahnbürsten und vielem mehr in den Flieger steigen. Zudem hat mir Dr. Zuschlag, ein deutscher Zahnarzt, der die Dental Clinic in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh im August 2015 gegründet hatte, ein Röntgengerät mitgegeben, um die Möglichkeiten vor Ort noch etwas zu erweitern. Ich war also gespannt, was auf mich zukommen würde. Insgesamt hatte ich meinen Aufenthalt für 6 Wochen geplant, wovon ich die ersten 2 Wochen in Ruhe das Land erkunden konnte, bevor ich meine Arbeit bei den Mini Molars Cambodia starten würde.

Famulatur Kambodscha Moritz Walter

Nach meiner Ankunft lieferte ich zunächst meine Materialien und das Röntgengerät bei den Mini Molars ab, wodurch ich bereits einen ersten Eindruck von meinem Arbeitsplatz bekommen konnte. Mit dem Tuktuk, eine Art Kutsche, die statt eines Pferdes von einem Moped gezogen wird, fuhr ich an meinem ersten Tag an den Stadtrand von Phnom Penh. Dort befindet sich die Zahnarztpraxis, angegliedert an einen buddhistischen Tempel. In der Umgebung wohnen überwiegend sehr arme Leute, die auf die Hilfe von den Mönchen und Ihren Einrichtungen angewiesen sind. Zusätzlich zu der zahnärztlichen Versorgung war eine Schule vorhanden, in der überwiegend Englisch unterrichtet wurde, was in Kambodscha einen immer wichtigeren Stellenwert im Alltag einnimmt. Dort angekommen wurde ich herzlich von dem kambodschanischen Zahnarzt, Frederike und Katharina, zwei Studentinnen aus Gießen, den beiden Zahnarzthelferinnen und den Mönchen begrüßt.

Nachdem die 20 Kilogramm schweren zahnmedizinischen Materialien abgeliefert waren, konnte ich zunächst in meinen 2-wöchigen Kambodschaurlaub aufbrechen. Nach einer abenteuerlichen Fahrt in einem viel zu schnell fahrenden Minivan, der auf den überfüllten und mit Schlaglöchern versehenen kambodschanischen Highways versuchte, mich in Rekordzeit ans Ziel zu bringen, erreichte ich die Hafenstadt Sihanoukville. Dort verbrachte ich unter anderem eine Woche auf einer Insel in einer Unterkunft ohne Internet, ohne fließendes Wasser und lediglich mit Solarstrom. Der perfekte Ort um nach einem anstrengenden Semester die Seele baumeln zu lassen. Es heißt, wer nach Kambodscha reist war erst dann in Kambodscha, wenn er auch in Ankor Wat war. Nicht zu Unrecht hat der größte religiöse Bau der Welt auch einen Platz auf der kambodschanischen Flagge eingenommen. Also flog ich nach einer Woche auf der einsamen Insel in die vom Tourismus überflutete Stadt Siem Reap, welche vor den Toren Ankor Wats liegt. Ganze drei Tage schaut man sich Ankor Wat und die unendlich vielen Tempel in der Umgebung an. Bei jedem Tempel ist man aufs Neue überwältigt von der überragenden Baukunst im lange untergegangenen Königreich Ankor. Erholt und mit vielen neuen Erkenntnissen über Kambodscha fuhr ich dann zurück nach Phnom Penh, um dort mit meiner Freiwilligenarbeit anzufangen. Um möglichst viel Abwechslung in meinen Aufenthalt in Kambodschas Hauptstadt zu bekommen, entschied ich mich dazu, meine Unterkunft regelmäßig zu wechseln und mehrere Gästehäuser und Hostels auszuprobieren.

Famulatur Kambodscha Moritz Walter

Morgens ging die Arbeit um kurz nach 8 los. Meistens wurde nur vormittags gearbeitet, gelegentlich auch nachmittags. Ursprünglich dachte ich, dass ich ausschließlich Kinder behandeln würde, da dies der Name des Projekts bereits ausdrückt. Dennoch wurden vor Ort auch viele Erwachsene behandelt, was mich jedoch nicht weiter störte. Im Gegenteil, dadurch wurden die Behandlungen sogar abwechslungsreicher und man merkte, dass nicht nur die Kinder dringend zahnmedizinische Hilfe benötigen.Bei jedem Patienten wurde zunächst eine Schmerzanamnese durchgeführt, bevor man sich einen Überblick von der Situation im Mund machte und man einen schnellen Befund erhob. Leider kam der Großteil der Patienten mit Schmerzen, weshalb es häufig zu spät war, um den betroffenen Zahn zu retten und die Zange die letzte Möglichkeit war. Die Behandlung wurde meist mit dem kambodschanischen Zahnarzt abgesprochen, der die Patienten dann aufklärte, bevor man mit seinen Füllungen oder Extraktionen fortfuhr. Gerne hätte man auch Wurzelkanalbehandlungen durchgeführt. Jedoch waren viele Materialien nicht vorhanden, was die Behandlung schwierig gestaltet hatte. Um Hygiene und möglichst steriles Arbeiten war man zwar bemüht, jedoch ist man von den in Deutschland geltenden Hygienerichtlinien weit entfernt.

Nach einiger Zeit konnte ich mir einige wichtige Wörter auf Khmer, Kambodschas Landessprache, merken. Es erleichterte die Behandlung etwas, wenn man dem Patienten sagen konnte, dass er den Mund auf oder zu machen oder nach Schmerzen fragen konnte. Da man an die Patienten leider kaum oder nur schwer Termine vergeben konnte, kam es vor, dass an manchen Tagen die Praxis total überrannt wurde. Es standen bis zu 20 Kinder und Erwachsene vor der Tür. Wenn man nach Schmerzen fragte hob ein Großteil seine Hand. Wir versuchten uns auf die wichtigsten Dinge zur schnellen Schmerzbehandlung zu beschränken. Das führte häufig dazu, dass man nur den Schmerzen verursachenden Zahn behandelte oder einfach ziehen musste. Für die vielen anderen kariösen Zähne war an solchen Tagen keine Zeit. Man sagte den Patienten, dass sie in den nächsten Tagen zur weiteren Behandlung nochmals kommen sollten. In den meisten Fällen sah man die Kinder und Erwachsenen jedoch leider nicht wieder. Ab und zu kamen jedoch auch Tage vor, an denen nur ein Patient vor der Tür stand. Deshalb fuhren wir, nachdem der Patient fertig behandelt war, in eine nahe gelegene NGO (Nichtregierungsorganisation). Dort leben etwa 100 Familien auf engstem Raum zusammen. In kleinen durch Spenden finanzierten Hütten wohnt ein gesamte Familie mit 7-8 Personen in einem Raum mit einer Größe von etwa 10 Quadratmetern zusammen. In dieser enorm armen Umgebung brachten wir den Kindern mit XXL-Zahnmodel und Zahnbürste das Zähneputzen bei und machten Werbung für unsere kostenlose Zahnbehandlungen. Anschließend verteilten wir Zahnbürsten und Zahnpasta. In wenigen Minuten waren die Zahnputzartikel weg. Was mich faszinierte, war die entspannte Atmosphäre und die fröhlichen und unbekümmerten Kinder. Nach jeder Menge Klatschspiele mit den Kindern, Zahnbürsten verteilen und tollen Bildern schießen kehrten wir zurück in unsere Zahnklinik. Tatsächlich kamen in den folgenden Tagen immer wieder Kinder und Erwachsene aus der NGO zur Behandlung. Famulatur Kambodscha Moritz Walter

Nach 2 Wochen machten wir zur Verabschiedung von Katharina und Frederike einen „Praxisausflug“ ins Umland von Phnom Penh. Wir fuhren zuerst zu einem Bergtempel und anschließend zum Zoo, in dem man viele in Kambodscha lebende bedrohte Tierarten bewundern konnte, leider jedoch hinter Gittern. Durch die Begleitung von Einheimischen hatten wir Deutschen das Gefühl, nicht nur als Tourist in dem Land zu sein, sondern auch die Möglichkeit zu bekommen, mehr vom kambodschanischen Leben und dem Alltag mitzubekommen. So hatten wir immer direkte Ansprechpartner um mehr über das Land, die Menschen und die Kultur zu erfahren. Auch das kambodschanische Essen wurde uns auf diesem Weg näher gebracht. Dies ist jedoch sehr gewöhnungsbedürftig. Neben tollen exotischen Früchten stehen auch Sachen wie Schildkröte und getrocknete frittierte Frösche auf der Speisekarte. Was für die Kambodschaner ein Alltagsessen ist, wurde von uns größtenteils nicht einmal probiert.

Die 4 Wochen bei den Mini Molars gingen rasend schnell vorbei. An meinem letzten Behandlungstag kam ein 11-jähriger Junge mit Zahnschmerzen in die Praxis. Er hatte noch nie in seinem Leben seine Zähne geputzt. Nachdem ich einen Großteil der komplett schwarzen Milchzähne entfernt hatte, brachte ich ihm zunächst Zähneputzen bei. Leider waren auch die bleibenden Zähne schon so stark zerstört, dass man viele nur noch ziehen konnte. Während der 4 Wochen in Kambodscha wurde mir immer wieder bewusst, dass Prophylaxe, wie wir sie in Deutschland von klein auf bekommen, einen enorm wichtigen Beitrag zur Gesundheit leistet. Nachdem meine Arbeit getan war, wurde ich von den Mönchen sehr freundlich verabschiedet. Zum Abschluss schenkte man mir einen riesigen Früchtekorb und auch wenn häufig eine sprachliche Barriere bestand, merkte man wie dankbar die Mönche und die Patienten vor Ort waren.

Generell kann ich jedem Zahnmediziner und jeder Zahnmedizinerin eine Famulatur im Ausland absolut empfehlen. Die Erfahrungen die man dort sammelt, bringen einem persönlich und für den (späteren) Beruf sehr viel und geben einem einen etwas anderen Blick auf zahnärztliche Behandlung. Zudem wird einem viel Dankbarkeit und Freundlichkeit entgegengebracht und man hat zu fast jeder Zeit den Eindruck, dass man den Menschen dort in der bettelarmen Umgebung etwas Gutes tut.

Zu guter Letzt bedanke ich mich ganz herzlich bei Henry Schein und Ivoclar Vivadent für die großzügigen Spenden, ohne die solche Projekte wohl kaum existieren können.

Ich kann mir gut vorstellen, nach meinem Examen nochmals nach Kambodscha zurückzukehren, denn die 6 Wochen dort waren mit Sicherheit ein Highlight meiner Studienzeit.